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Der Fall Marco - ein Armutszeugnis für die Türkei.

Seit nunmehr einem halben Jahr erregt der Fall des 17jährigen Marco, der in der Türkei eine 13jährige vergewaltigt und/oder sexuell belästigt haben soll, die Gemüter. Heute wurde seine Verhandlung bereits zum fünften Mal um einen weiteren Monat vertagt.

Die Hintergründe, Zusammenhänge und Schwierigkeiten bei der Beurteilung dieses Falles wurden mittlerweile lang und breit diskutiert - in den Zeitungen, in Talkshows, in der Politik. Allerdings immer nur auf einem streng formaljuristischen Niveau. So wie in der Fernsehsendung bei Sandra Maischberger, wo deutsche wie türkische Rechtsexperten und Anwälte beider Seiten über das Schicksal des jungen Mannes diskutierten, als befänden sie sich in einem juristischen Seminar an der Universität. Dass der Anwalt des Angeklagten hier nicht öffentlich äußert, was er vielleicht in seinem Innersten denkt, mag man aus prozesstaktischen Gründen noch nachvollziehen und akzeptieren können.

Dass deutsche Politiker aus ihrer ersten allzu lautstarken Einmischung und deren negativem Echo in der Türkei gelernt haben und jetzt leisere Töne anschlagen, kann man auch verstehen und im Sinne des Angeklagten befürworten.

Was ich aber dennoch vermisse ist, dass niemand laut und deutlich ausspricht, was dieser Fall in Wirklichkeit ist: ein Skandal und ein Armutszeugnis für die Türkei.

Fassen wir die öffentlich bekannten Fakten kurz zusammen: Da geht ein Junge mit einem nach eigenen Aussagen - und auch optisch so wirkenden - 15jährigen Mädchen nach einem Diskobesuch auf deren Zimmer. Dort befinden sich noch mehrere weitere Personen. Dann kuscheln sie und tun das, was junge Menschen ohne nenneswerte sexuelle Erfahrung in solchen Situationen tun: Sie berühren sich, erkunden sich und begehen, im Juristendeutsch - sexuelle Handlungen, ohne dass es zum sogenannten Beischlaf kommt. Schlafen tun sie dann irgendwann auch, nämlich sämtliche anwesenden Personen in dem einen Zimmer. Am anderen Tag kommt die Polizei, nimmt den Jungen mit und konfontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung. Das angebliche Opfer und seine Mutter reisen aus der Türkei ab, noch bevor Sie von einem Gericht vernommen werden. Und der Junge landet im Gefängnis.

Dann wird fünfmal - jeweils mit Monatsabstand - ein Prozess angesetzt, der jedesmal sofort wieder vertagt wird, weil das Gericht - oh Wunder - noch gar keine Aussage von dem Opfer hat. Anscheinend merken das die Herren Richter immer erst bei Prozessbeginn. Es dauert Monate, bis ein Rechtshilfeersuchen nach Großbritannien ergeht, dann wieder Wochen, bis das "Opfer" vernommen wird; von Polizisten, nicht von Richtern oder Staatsanwälten, und natürlich ohne Beisein der Anwälte des Angeklagten. Das Ganze wird gefilmt, dann wird eine über 170seitige Abschrift erstellt, die - ein Wunder - das Gericht in Antalya am Vorabend des nächsten Verhandlungstermins erreicht. Auf Englisch. Weil das keiner lesen kann, muss man das Dokument nun leider erst übersetzen lassen - wer hätte das gedacht! -, und das kann dauern. Mindestens bis Ende November, wenn der nächste Prozesstag angesetzt ist. Soweit die Fakten.

Man kann sich vor dem geistigen Auge bereits ausmalen, mit welchen Begründungen das Gericht die Verhandlung wieder und wieder vertagen wird: Wenn die Aussage endlich auf Türkisch vorkiegt, wird man merken, dass sie viele Anschuldigungen, aber keine Beweise enthält. Also vertagen. Vielleicht Gutachten einholen? Das dauert, also nochmal vertagen. Schließlich werden einiges später - gut Ding will Weile haben - Gutachten auf dem Richtertisch landen, die sich sowohl für als auch gegen die Täterschaft des Angeklagten aussprechen. Wieder nichts gewonnen. Vielleicht kommt dann der Herr Richter irgendwann auf die sensationelle Idee, dass man das Opfer einbestellen und vor Ort - und vor allem im Beisein der Verteidiger des Angeklagten - vernehmen könnte. Das dauert wieder, weil sich die junge Dame samt ihrer Mutter weigern, in die Türkei zu kommen (wieso eigentlich?). Sollte dies dann doch irgendwann geschehen, irgendwann in einem halben Jahr vielleicht, werden die Richter endlich zu einem Urteil kommen können. Oder auch nicht, weil sich nach wie vor Aussage gegen Aussage gegenüberstehen. Und dann werden sie ein Urteil fällen. Leider muss man befürchten, dass dieses zu Lasten des Angeklagten ausfallen wird. Ein Freispruch würde ja bedeuten, dass man ihn unverhältnismäßig lang zu Unrecht in Untersuchungshaft gehalten hat. Ein Gesichtsverlust, den die ehrenkäsigen Herren Richter nun keinesfalls erleiden wollen.

Büßen darf das alles Marco, der nach allem was man weiß nichts anderes getan hat als das, was Millionen Jugendliche auf der ganzen Welt tagtäglich tun: erste, noch sehr kuschelige sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht suchen.

Man braucht weder Jurist noch Psychologe zu sein, um sich vorzustellen, was damals wirklich abgelaufen ist: Die beiden sind sich einvernehmlich näher gekommen, ohne dass es dabei, ob einvernehmlich oder nicht spielt keine Rolle, zum Geschlechtsverkehr gekommen ist, und irgendwann ist dem jungen Mann dann auch was gekommen. Wohl eher uneinvernehmlich, den darüber hat Mann nunmal keine wirkliche Kontrolle. Und dann? Dann haben die beiden seelnruhig zusammen (nicht miteinander!) im gleichen Bett geschlafen.

Was dann folgte, kann sich in zwei Versionen abgespielt haben. Version 1: Die junge Dame (korrekter: das Kind) bereut am nächsten Morgen, bei Licht betrachtet und nüctern, die Ereignisse. Sie schämt sich, denkt vielleicht im Nachhinein, dass sie eigentlich so weit hätte gar nicht gehen wollen, denkt, dass ja vor allem er die treibende Kraft war, der sie sich nicht zu entziehen vermochte; vielleicht ist sie sogar enttäuscht, weil sie sich von ihrer (ersten?) Liebesnacht mehr versprochen hatte. Weil ihr jetzt - und erst jetzt - klar wird, dass sie alles so nicht wollte, offenbart sie sich ihrer Mutter, überteibt alles noch ein bisschen und löst die ganze Lawine aus.

Oder, wohl wahrscheinlicher - Version 2: Die Mutter hat irgendwie von dem nächtlichen Treiben erfahren, zum Beispiel von der Schwester des "Opfers", und war entsetzt: Ihre kleine 13jährige mit einem Mann im Bett? Spermaspuren auf der Kleidung des Kindes? Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Sie macht der Tochter schwere Vorhaltungen. Und was macht die? Alle Schuld von sich weisen. Je erboster die Mutter wird, desto drastischer schildert sie die Rolle des Jungen und umso mehr stilisiert sie sich zum Opfer. Das ist ein ganz normaler psychologischer Vorgang, der gerade bei schuldbewussten Kindern und Jugendlichen oft anzutreffen ist. Nicht normal ist allerdings die Eskalation in diesem Fall. Irgendwann fällt das Wort Vergewaltigung und die Mutter rastet aus, schreit nach der Polizei. Der Rest ist bekannt.

Nicht bekannt ist allerdings, warum die türkischen Richter einen solchen "Tathergang" nicht einmal in Betracht ziehen. Formaljuristisch mag ja alles mit rechten türkischen Dingen zugehen. Menschlich ist es eine Katastrophe. Was diese Angelegenheit mit Marco macht, kann man nur erahnen. Die Richter können das anscheinend nicht. Von der versäumten Lebenszeit ganz abgesehen, muss man eine schwere Traumatisierung befürchten, die mit der Haftentlassung nicht endet, sondern in ihren schlimmen Folgen dann erst beginnt.

Von dem Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" haben die türkischen Richter offenbar auch noch nichts gehört. Sonst hätten sie längst erwägen können, den Angeklagten wenigstens gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen oder den Prozess mit aller Macht zu beschleunigen, am besten beides. Doch nichts dergleichen. Diese Richter hören "Vergewaltigung einer Minderjährigen" und behandeln den Verdächtigen allem vorliegendem Anschein zum Trotz wie einen Schwerverbrecher, der nachts mit Messern bewaffnet aus dem Gebüsch springt und gewaltsam Jungfrauen schändet. Es ist keine Spur von Lebensweisheit zu erkennen, kein Abwägen der Verhältnismäßigkeit, keine mitfühlende Menschlichkeit, nichts. Nur der juristische Zusammenhang "Vergewaltigung = Schwerverbrecher = Knast".

Ob dies einer persönlichen Ignoranz der Beteiligten entspringt, ihrem durch die Einmischung der deutschen Politik gekränkten Ehrgefühl oder einfach türkische Rechtspraxis ist, weiß man nicht, aber es macht auch keinen Unterschied: Es ist ein himmelschreiender Skandal. Und er wirft tatsächlich die Frage auf, ob die Türkei reif für die EU ist - auch wenn deutsche Politiker sie besser nicht öffentlich gestellt hätten. Die hier erkennbare Rechtspraxis ist von mitteleuropäischen, zivilisierten Maßstäben himmelweit entfernt. Und deshalb sollte dieser traurige Fall Marco Anlass sein darüber nachzudenken, ob man in einem solchen Land noch seinen Urlaub verbringen möchte. Ich jedenfalls werde das nicht tun, und vielleicht wäre es eine heilsame (weil teure) Lehre für die Türkei, wenn möglichst viele andere sich auch so verhalten würden.

26.10.07 16:14


Hallo

Dies ist mein erster Eintrag in meinem neuem weblog "offeneswort". Ich möchte hier in Zukunft meine persönliche Meinung zu verschiedensten Themen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft einstellen und mit anderen diskutieren.

Ich habe mich für den Namen "offeneswort" entschieden, weil ich hier Gedanken festhalten möchte, die abseits des üblichen mainstreams und der "political correctness" liegen. Meiner Meinung nach werden viele Themen in den Medien und in der öffentlichen Debatte oft am eigentlichen Kern der Sache vorbei diskutiert. Deshalb werden viele Probleme nicht gelöst, sondern schöngeredet oder unter den Teppich gekehrt.

Ich nehme an, dass es viele Gleichgesinnte gibt, die anders denken als die sogenannte veröffentlichte Meinung. Mit diesen Menschen möchte ich ins konstruktive Gespräch kommen. Ich freue mich also auf Kommentare, auf Zuspruch, auf Anregungen und Kritik.

17.10.07 09:49





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